Der Autor
Das Buch

"Wer gut lügt, kann auch gut dichten"

Wer gegen wen

Wer mit wem -
Baudolino und seine Gefährten


Der Brief des Priesters Johannes
Hanser

Baudolino ist der gewitzte Sohn des Bauern Gagliaudo Aulari aus dem Piemont, einer eher finsteren und nebligen Gegend Italiens. Vielleicht zwölf, vielleicht vierzehn Jahre alt, den Kopf voller Flausen, Phantasien und Lügen, hat er die ein oder andere seltsame Begegnung:

So trieb ich mich in der Frascheta herum und sah Heilige und Einhörner im Wald, und als ich dem Kaiser begegnete, ohne zu wissen, daß er es war, und zu ihm in seiner Sprache sprach, da erzählte ich ihm, daß mir San Baudolino gesagt habe, er - der Kaiser - werde die Stadt Tortona erobern. Ich hatte das nur so hingesagt, um ihm eine Freude zu machen, aber ihm kam es gerade recht, und er wollte, daß ich es vor allen wiederholte, besonders vor den Abgesandten aus Tortona, denn so würden sie sich davon überzeugen, daß sie auch die Heiligen gegen sich hatten, und deswegen hat er mich meinem Vater abgekauft, und der hat sofort eingewilligt, nicht so sehr wegen des bißchen Geldes, das er für mich bekam, sondern weil er dadurch einen hungrigen Esser im Hause los wurde. So hatte sich mit einem Schlag mein ganzes Leben verändert."
"Bist du einer von seinen Pagen geworden?"
"Nein, sein Adoptivsohn. Zu jener Zeit hatte Friedrich noch keine Kinder, ich glaube, er mochte mich, weil ich ihm sagte, was die anderen ihm aus Respekt verschwiegen. Er behandelte mich, als ob ich sein leiblicher Sohn wäre, er lobte mich für mein Gekrakel, für meine ersten Rechenübungen an den zehn Fingern, für die Kenntnisse, die ich mir über seinen Vater aneignete und über dessen Vater … Manchmal vertraute er sich mir auch an, vielleicht dachte er, ich verstünde es nicht."

Und so gelangt Baudolino an den Hof Friedrichs I. Barbarossa. Er studiert in Paris Semiotik, den Rotwein und die Frauen, verliebt sich leidenschaftlich in Friedrich Barbarossas Gemahlin, die Kaiserin Beatrix von Burgund, und begleitet den Kaiser fortan auf seinen abenteuerlichen Italienfeldzügen. Mit seinen irrwitzigen Ideen versucht er den Lauf der Weltgeschichte zu lenken und landet am Ende in Konstantinopel zur Zeit der großen Plünderung. Durch Zufall rettet er Niketas Choniates, einen Geschichtsschreiber, vor dem sicheren Tod.

Niketas betrachtete seinen Retter. Der Mann sah weniger wie ein Christ als wie ein Sarazene aus. Ein sonnenverbranntes Gesicht, eine bleiche Narbe quer über die ganze Wange, ein Kranz noch rotblonder Haare, der seinem Antlitz etwas Löwenhaftes verlieh. Niketas wäre wohl recht erstaunt gewesen, wenn er erfahren hätte, daß dieser Mann bereits über sechzig Jahre alt war. Er hatte sehr große Hände, und wenn er sie verschränkt im Schoße hielt, sah man sofort die knotigen Knöchel. Bauernhände, mehr für die Hacke als für das Schwert gemacht.
Gleichwohl sprach er ein flüssiges Griechisch, ohne bei jedem Wort feine Tröpfchen zu spucken, wie es die Fremden gewöhnlich taten, und Niketas hatte ihn erst vor kurzem mit den Invasoren in ihrer rauhen Sprache reden hören, die er schnell und trocken sprach, wie einer, der sie auch zum Schimpfen und Beleidigen zu gebrauchen weiß. Im übrigen hatte er ihm am Abend zuvor gesagt, daß er eine Gabe besitze: Es genüge ihm, zwei Leute in irgendeiner Sprache miteinander reden zu hören, und nach kurzer Zeit sei er in der Lage, mit ihnen zu sprechen. Eine einzigartige Gabe, von der Niketas gedacht hätte, sie sei allenfalls den Aposteln gewährt.
Das Leben am Hofe, zumal an diesem, hatte Niketas gelehrt, die Menschen mit stillem Mißtrauen zu taxieren. Was ihm an Baudolino auffiel, war, daß dieser Lateiner bei allem, was er sagte, sein Gegenüber mit einer verhaltenen Ironie ansah, als wolle er ihm bedeuten, seine Worte nicht allzu ernst zu nehmen. Eine schlechte Angewohnheit, die man jedem beliebigen zubilligen mochte, nur nicht einem, von dem man eine wahrheitsgemäße Aussage erwartete, um sie dann in Geschichtsschreibung zu übersetzen.