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Baudolino
ist der gewitzte Sohn des Bauern Gagliaudo Aulari aus dem
Piemont, einer eher finsteren und nebligen Gegend Italiens.
Vielleicht zwölf, vielleicht vierzehn Jahre alt, den
Kopf voller Flausen, Phantasien und Lügen, hat er die
ein oder andere seltsame Begegnung:
So trieb ich mich in der Frascheta
herum und sah Heilige und Einhörner im Wald, und als
ich dem Kaiser begegnete, ohne zu wissen, daß er es
war, und zu ihm in seiner Sprache sprach, da erzählte
ich ihm, daß mir San Baudolino gesagt habe, er - der
Kaiser - werde die Stadt Tortona erobern. Ich hatte das
nur so hingesagt, um ihm eine Freude zu machen, aber ihm
kam es gerade recht, und er wollte, daß ich es vor
allen wiederholte, besonders vor den Abgesandten aus Tortona,
denn so würden sie sich davon überzeugen, daß
sie auch die Heiligen gegen sich hatten, und deswegen hat
er mich meinem Vater abgekauft, und der hat sofort eingewilligt,
nicht so sehr wegen des bißchen Geldes, das er für
mich bekam, sondern weil er dadurch einen hungrigen Esser
im Hause los wurde. So hatte sich mit einem Schlag mein
ganzes Leben verändert."
"Bist du einer von seinen Pagen geworden?"
"Nein, sein Adoptivsohn. Zu jener Zeit hatte Friedrich
noch keine Kinder, ich glaube, er mochte mich, weil ich
ihm sagte, was die anderen ihm aus Respekt verschwiegen.
Er behandelte mich, als ob ich sein leiblicher Sohn wäre,
er lobte mich für mein Gekrakel, für meine ersten
Rechenübungen an den zehn Fingern, für die Kenntnisse,
die ich mir über seinen Vater aneignete und über
dessen Vater
Manchmal vertraute er sich mir auch
an, vielleicht dachte er, ich verstünde es nicht."
Und so gelangt Baudolino an den Hof Friedrichs
I. Barbarossa. Er studiert in Paris Semiotik, den Rotwein
und die Frauen, verliebt sich leidenschaftlich in Friedrich
Barbarossas Gemahlin, die Kaiserin Beatrix von Burgund, und
begleitet den Kaiser fortan auf seinen abenteuerlichen Italienfeldzügen.
Mit seinen irrwitzigen Ideen versucht er den Lauf der Weltgeschichte
zu lenken und landet am Ende in Konstantinopel zur Zeit der
großen Plünderung. Durch Zufall rettet er Niketas
Choniates, einen Geschichtsschreiber, vor dem sicheren Tod.
Niketas betrachtete seinen Retter.
Der Mann sah weniger wie ein Christ als wie ein Sarazene
aus. Ein sonnenverbranntes Gesicht, eine bleiche Narbe quer
über die ganze Wange, ein Kranz noch rotblonder Haare,
der seinem Antlitz etwas Löwenhaftes verlieh. Niketas
wäre wohl recht erstaunt gewesen, wenn er erfahren
hätte, daß dieser Mann bereits über sechzig
Jahre alt war. Er hatte sehr große Hände, und
wenn er sie verschränkt im Schoße hielt, sah
man sofort die knotigen Knöchel. Bauernhände,
mehr für die Hacke als für das Schwert gemacht.
Gleichwohl sprach er ein flüssiges Griechisch, ohne
bei jedem Wort feine Tröpfchen zu spucken, wie es die
Fremden gewöhnlich taten, und Niketas hatte ihn erst
vor kurzem mit den Invasoren in ihrer rauhen Sprache reden
hören, die er schnell und trocken sprach, wie einer,
der sie auch zum Schimpfen und Beleidigen zu gebrauchen
weiß. Im übrigen hatte er ihm am Abend zuvor
gesagt, daß er eine Gabe besitze: Es genüge ihm,
zwei Leute in irgendeiner Sprache miteinander reden zu hören,
und nach kurzer Zeit sei er in der Lage, mit ihnen zu sprechen.
Eine einzigartige Gabe, von der Niketas gedacht hätte,
sie sei allenfalls den Aposteln gewährt.
Das Leben am Hofe, zumal an diesem, hatte Niketas gelehrt,
die Menschen mit stillem Mißtrauen zu taxieren. Was
ihm an Baudolino auffiel, war, daß dieser Lateiner
bei allem, was er sagte, sein Gegenüber mit einer verhaltenen
Ironie ansah, als wolle er ihm bedeuten, seine Worte nicht
allzu ernst zu nehmen. Eine schlechte Angewohnheit, die
man jedem beliebigen zubilligen mochte, nur nicht einem,
von dem man eine wahrheitsgemäße Aussage erwartete,
um sie dann in Geschichtsschreibung zu übersetzen.
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