Der Autor
Das Buch

"Wer gut lügt, kann auch gut dichten"

Wer gegen wen

Wer mit wem -
Baudolino und seine Gefährten


Der Brief des Priesters Johannes
Hanser

Beatrix von Burgund, die Gemahlin Friedrich Barbarossas, ist so schön, daß Baudolino sich bei ihrem ersten Anblick sofort unsterblich in sie verliebt.

Als er nach Würzburg kam, entdeckte er, daß Beatrix von Burgund ein zwanzigjähriges Mädchen von außerordentlicher Schönheit war - zumindest kam sie ihm so vor, und kaum hatte er sie erblickt, konnte er keinen Muskel mehr rühren und starrte sie mit aufgerissenen Augen an.
Sie hatte golden glänzendes Haar, ein makellos schönes Gesicht, der Mund klein und rot wie eine reife Frucht, die Zähne weiß und regelmäßig, die Haltung aufrecht, der Blick bescheiden, die Augen klar. Züchtig und zugleich gewinnend in ihrer Rede, zarten Leibes und feingliedrig, schien sie im Glanz ihrer Anmut alle zu beherrschen, die sie umgaben. Sie verstand es - höchste Tugend für eine künftige Herrscherin -, ihrem Gatten untertan zu erscheinen, indem sie vorgab, ihn als ihren Herrn und Gebieter zu fürchten, aber sie war seine Herrin, wenn es darum ging, ihm ihren Willen als Gattin zu bekunden, was sie mit solcher Grazie tat, daß jede ihrer Bitten sogleich Gehör fand, als wär's ein Befehl. Wollte man noch etwas zu ihrem Lob hinzufügen, so könnte man sagen, sie war geübt im Lesen und Schreiben, gewandt im Musizieren und beza bernd im Singen. So daß, schloß Baudolino, der Name Beatrix wirklich hervorragend für sie passte (…)

Baudolino begriff sofort instinktiv, daß das, was er da empfand, eine Art Diebstahl am Eigentum seines Vaters war, weshalb er sich einzureden versuchte, er betrachte seine Stiefmutter aufgrund ihrer Jugend als eine Art Schwester. Aber dann wurde ihm klar, obwohl er nicht viel Moraltheologie studiert hatte, daß es auch nicht erlaubt war, eine Schwester in dieser Weise zu lieben - jedenfalls nicht mit diesem Erschauern und dieser heftigen Leidenschaft, die ihm der Anblick Beatrixens einflößte. Darum senkte er errötend den Kopf, und genau in diesem Augenblick streckte Beatrix, der Friedrich seinen Adoptivsohn Baudolino vorstellte (als einen "sonderbaren und liebenswerten Wildfang der Poebene", wie er sich ausdrückte), zärtlich ihre Hand aus und streichelte ihn erst über die Wange und dann übers Haar.
Baudolino schwanden beinahe die Sinne, ihm wurde ganz schwarz vor Augen, und die Ohren dröhnten ihm wie das Läuten der Kirchenglocken zu Ostern. Was ihn weckte, war die schwere Hand Ottos, der ihm auf den Nacken klopfte und zwischen den Zähnen flüsterte: "Auf die Knie, du Tölpel!" Er besann sich darauf, daß er vor der Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches stand, die auch Königin von Italien war, beugte die Knie, und von da an benahm er sich untadelig wie ein perfekter Höfling, nur daß er nachts nicht schlafen konnte und, anstatt über dieses unerklärliche Damaskus-Erlebnis zu jubeln, wegen der unerträglichen Glut dieser unbekannten Leidenschaft weinte.

Während seines Studiums in Paris erdichtet Baudolino eine Flut von Briefen, die er nie abschickt und - im Eifer - sogar noch durch Antworten ergänzt.

"Der Nordstern scheint auf den Pol, und der Mond erhellt die Nacht. Mir aber dient als Führer ein einziger Himmelskörper, und wenn nach dem Weichen der Dunkelheit mein Stern im Osten aufgeht, will mein Geist nichts von des Schmerzes Düsternis wissen. Du bist mein lichtbringender Stern, der die Nacht ver treibt, denn ohne dich ist der Tag selbst finstere Nacht, mit dir jedoch ist die Nacht selbst hellichter Tag."
Und weiter: "Wenn es mich hungert, sättigst du mich, wenn es mich dürstet, gibst du mir zu trinken. Doch was sage ich, du speisest mich, aber sättigst mich nicht. Denn nie bin ich deiner satt geworden, nie werde ich genug von dir haben …" Und abermals: "So groß ist deine Süße, so herrlich deine Beständigkeit, so unbeschreiblich der Ton deiner Stimme, so wunderbar deine Schönheit und die sie krönende Anmut, daß es eine grobe Unhöflichkeit wäre, auch nur zu versuchen, sie in Worten auszudrücken. Möge das Feuer, das uns verzehrt, immerfort wachsen und neue Nahrung finden und, je mehr davon verborgen bleibt, desto mehr um sich greifen und die Neidischen wie die Eifersüchtigen täuschen, so daß es stets zweifelhaft bleibt, wer von uns beiden mehr liebt, und sich zwischen uns unablässig ein wunderschöner Wettstreit abspielt, in dem beide siegen …"
Keine Frage, es waren schöne Briefe, und wenn er sie am Ende noch einmal durchlas, zitterte Baudolino und verliebte sich immer mehr in eine Kreatur, die ihm so glühende Worte ein zugeben vermochte. Weshalb er es nach einer Weile nicht mehr aushielt, nicht zu wissen, wie Beatrix auf diese sanfte Gewalt reagiert hätte, und beschloß, sie eine Antwort geben zu lassen. Also schrieb er, wobei er ihre Schrift zu imitieren versuchte:
"In der Liebe, die mir aus dem innersten Herzen quillt und duftender aufsteigt als jedes andere Aroma, wünscht die, die dein ist mit Leib und Seele, den dürstenden Blumen deiner Jugend die Frische ewigen Glückes … Dir, meine freudige Hoffnung, biete ich meinen Glauben an, und mit aller Ergebenheit auch mich selbst, solange ich lebe …"
"O bleib mir gewogen", antwortete er sogleich, "denn in dir liegt mein Wohlergehen beschlossen, in dir liegt meine Hoffnung und meine Ruhe. Ich bin morgens noch kaum richtig aufgewacht, schon hat meine Seele dich wiedergefunden, wohlbehütet in ihrem eigenen Innern …"
Darauf sie hemmungslos: "Seit jenem Augenblick, da wir uns zum ersten Mal sahen, habe ich nur dich bevorzugt, und dich bevorzugend habe ich dich gewollt, dich wollend habe ich dich gesucht, dich suchend habe ich dich gefunden, dich findend habe ich dich geliebt, dich liebend habe ich dich begehrt, dich begehrend habe ich dich in meinem Herzen über alles gestellt … und habe von deinem Honig gekostet … Ich grüße dich, mein Herz, mein Alles, meine einzige Freude …"