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Beatrix
von Burgund, die Gemahlin Friedrich
Barbarossas, ist so schön, daß Baudolino sich bei
ihrem ersten Anblick sofort unsterblich in sie verliebt.
Als er nach Würzburg kam, entdeckte
er, daß Beatrix von Burgund ein zwanzigjähriges
Mädchen von außerordentlicher Schönheit
war - zumindest kam sie ihm so vor, und kaum hatte er sie
erblickt, konnte er keinen Muskel mehr rühren und starrte
sie mit aufgerissenen Augen an.
Sie hatte golden glänzendes Haar, ein makellos schönes
Gesicht, der Mund klein und rot wie eine reife Frucht, die
Zähne weiß und regelmäßig, die Haltung
aufrecht, der Blick bescheiden, die Augen klar. Züchtig
und zugleich gewinnend in ihrer Rede, zarten Leibes und
feingliedrig, schien sie im Glanz ihrer Anmut alle zu beherrschen,
die sie umgaben. Sie verstand es - höchste Tugend für
eine künftige Herrscherin -, ihrem Gatten untertan
zu erscheinen, indem sie vorgab, ihn als ihren Herrn und
Gebieter zu fürchten, aber sie war seine Herrin, wenn
es darum ging, ihm ihren Willen als Gattin zu bekunden,
was sie mit solcher Grazie tat, daß jede ihrer Bitten
sogleich Gehör fand, als wär's ein Befehl. Wollte
man noch etwas zu ihrem Lob hinzufügen, so könnte
man sagen, sie war geübt im Lesen und Schreiben, gewandt
im Musizieren und beza bernd im Singen. So daß, schloß
Baudolino, der Name Beatrix wirklich hervorragend für
sie passte (
)
Baudolino begriff sofort instinktiv,
daß das, was er da empfand, eine Art Diebstahl am
Eigentum seines Vaters war, weshalb er sich einzureden versuchte,
er betrachte seine Stiefmutter aufgrund ihrer Jugend als
eine Art Schwester. Aber dann wurde ihm klar, obwohl er
nicht viel Moraltheologie studiert hatte, daß es auch
nicht erlaubt war, eine Schwester in dieser Weise zu lieben
- jedenfalls nicht mit diesem Erschauern und dieser heftigen
Leidenschaft, die ihm der Anblick Beatrixens einflößte.
Darum senkte er errötend den Kopf, und genau in diesem
Augenblick streckte Beatrix, der Friedrich seinen Adoptivsohn
Baudolino vorstellte (als einen "sonderbaren und liebenswerten
Wildfang der Poebene", wie er sich ausdrückte),
zärtlich ihre Hand aus und streichelte ihn erst über
die Wange und dann übers Haar.
Baudolino schwanden beinahe die Sinne, ihm wurde ganz schwarz
vor Augen, und die Ohren dröhnten ihm wie das Läuten
der Kirchenglocken zu Ostern. Was ihn weckte, war die schwere
Hand Ottos, der ihm auf den Nacken klopfte und zwischen
den Zähnen flüsterte: "Auf die Knie, du Tölpel!"
Er besann sich darauf, daß er vor der Kaiserin des
Heiligen Römischen Reiches stand, die auch Königin
von Italien war, beugte die Knie, und von da an benahm er
sich untadelig wie ein perfekter Höfling, nur daß
er nachts nicht schlafen konnte und, anstatt über dieses
unerklärliche Damaskus-Erlebnis zu jubeln, wegen der
unerträglichen Glut dieser unbekannten Leidenschaft
weinte.
Während seines Studiums in Paris
erdichtet Baudolino eine Flut von Briefen, die er nie abschickt
und - im Eifer - sogar noch durch Antworten ergänzt.
"Der Nordstern scheint auf den
Pol, und der Mond erhellt die Nacht. Mir aber dient als
Führer ein einziger Himmelskörper, und wenn nach
dem Weichen der Dunkelheit mein Stern im Osten aufgeht,
will mein Geist nichts von des Schmerzes Düsternis
wissen. Du bist mein lichtbringender Stern, der die Nacht
ver treibt, denn ohne dich ist der Tag selbst finstere Nacht,
mit dir jedoch ist die Nacht selbst hellichter Tag."
Und weiter: "Wenn es mich hungert, sättigst du
mich, wenn es mich dürstet, gibst du mir zu trinken.
Doch was sage ich, du speisest mich, aber sättigst
mich nicht. Denn nie bin ich deiner satt geworden, nie werde
ich genug von dir haben
" Und abermals: "So
groß ist deine Süße, so herrlich deine
Beständigkeit, so unbeschreiblich der Ton deiner Stimme,
so wunderbar deine Schönheit und die sie krönende
Anmut, daß es eine grobe Unhöflichkeit wäre,
auch nur zu versuchen, sie in Worten auszudrücken.
Möge das Feuer, das uns verzehrt, immerfort wachsen
und neue Nahrung finden und, je mehr davon verborgen bleibt,
desto mehr um sich greifen und die Neidischen wie die Eifersüchtigen
täuschen, so daß es stets zweifelhaft bleibt,
wer von uns beiden mehr liebt, und sich zwischen uns unablässig
ein wunderschöner Wettstreit abspielt, in dem beide
siegen
"
Keine Frage, es waren schöne Briefe, und wenn er sie
am Ende noch einmal durchlas, zitterte Baudolino und verliebte
sich immer mehr in eine Kreatur, die ihm so glühende
Worte ein zugeben vermochte. Weshalb er es nach einer Weile
nicht mehr aushielt, nicht zu wissen, wie Beatrix auf diese
sanfte Gewalt reagiert hätte, und beschloß, sie
eine Antwort geben zu lassen. Also schrieb er, wobei er
ihre Schrift zu imitieren versuchte:
"In der Liebe, die mir aus dem innersten Herzen quillt
und duftender aufsteigt als jedes andere Aroma, wünscht
die, die dein ist mit Leib und Seele, den dürstenden
Blumen deiner Jugend die Frische ewigen Glückes
Dir, meine freudige Hoffnung, biete ich meinen Glauben an,
und mit aller Ergebenheit auch mich selbst, solange ich
lebe
"
"O bleib mir gewogen", antwortete er sogleich,
"denn in dir liegt mein Wohlergehen beschlossen, in
dir liegt meine Hoffnung und meine Ruhe. Ich bin morgens
noch kaum richtig aufgewacht, schon hat meine Seele dich
wiedergefunden, wohlbehütet in ihrem eigenen Innern
"
Darauf sie hemmungslos: "Seit jenem Augenblick, da
wir uns zum ersten Mal sahen, habe ich nur dich bevorzugt,
und dich bevorzugend habe ich dich gewollt, dich wollend
habe ich dich gesucht, dich suchend habe ich dich gefunden,
dich findend habe ich dich geliebt, dich liebend habe ich
dich begehrt, dich begehrend habe ich dich in meinem Herzen
über alles gestellt
und habe von deinem Honig
gekostet
Ich grüße dich, mein Herz, mein
Alles, meine einzige Freude
"
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