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Bischof
Otto von Freising und Rahewin, Geschichtsschreiber
und Sekretär, sollen sich um die Ausbildung des jungen
Baudolino kümmern:
Friedrich hatte Baudolino in die
Obhut von Bischof Otto und dessen Sekretär Rahewin
gegeben. Otto, ein Sprößling des großen
Adelsgeschlechts der Babenberger, war als Bruder der Mutter
ein Onkel des Kaisers, wenn auch nur knapp zehn Jahre älter
als er. Ein Gelehrter von höchstem Rang, hatte er zuerst
in Paris bei dem großen Abaelard studiert und sich
dann für den Orden der Zisterzienser entschieden, und
er war noch jung an Jahren gewesen, als ihm die Würde
des Bischofs von Freising verliehen wurde. Nicht daß
er dieser noblen Stadt viel Zeit und Kraft gewidmet hätte
- erklärte Baudolino seinem Zuhörer -, in der
abendländischen Christenheit wurden die Söhne
von Adelsfamilien oft zu Bischöfen dieses oder jenes
Ortes ernannt, ohne sich wirklich dorthin verfügen
zu müssen. Es genügte, die Einkünfte zu kassieren.
Otto war noch nicht fünfzig,
wirkte aber fast doppelt so alt. Immer ein bißchen
hüstelnd, geplagt von täglich wechselnden Zipperlein,
mal Hüft-, mal Rückenschmerzen, dazu ein Blasensteinleiden,
auch etwas triefäugig wegen des vielen Lesens und Schreibens,
dem er sowohl im Licht der Sonne wie auch in dem einer Lampe
oblag. Überaus reizbar, wie es bei Gichtkranken häufig
vorkommt, hatte er bei seinem ersten Gespräch mit Baudolino
fast knurrend gesagt: "Du hast dir die Gunst des Kaisers
mit allerlei Lügenmärchen erkauft, nicht wahr?"
"Nein, bestimmt nicht, Meister, ich schwöre es",
hatte Baudolino protestiert. Und darauf Otto: "Genau,
ein Lügner, der etwas verneint, bejaht es. Komm mit,
ich werde dir alles beibringen, was ich weiß."
Woran man sieht, daß Herr Otto im Grunde ein herzensguter
Mann war, der Baudolino gleich mochte, weil er in ihm einen
hellen Jungen mit rascher Auffassungsgabe erkannte. Aber
er hatte auch gleich bemerkt, daß Baudolino nicht
nur lautstark verkündete, was er gelernt, sondern auch,
was er sich bloß ausgedacht hatte. "Baudolino",
sagte er zu ihm, "du bist ein geborener Lügner."
"Warum sagt Ihr so etwas, Meister?"
"Weil es wahr ist. Aber glaub nicht, daß ich
dir deshalb einen Vorwurf mache. Willst du ein Mann der
Schrift werden und womöglich eines Tages auch Historien
schreiben, so mußt du auch lügen und Geschichten
erfinden können, sonst wird deine Historia langweilig.
Aber du mußt es in Maßen tun. Die Welt verurteilt
die Lügner, die nichts als Lügen erzählen,
selbst über die geringsten Dinge, und sie preist die
Poeten, die nur Lügen über die allergrößten
Dinge erzählen."
Baudolino nahm sich diese Lehren seines Meisters zu Herzen,
und in welchem Ausmaß auch dieser ein Lügner
war, ging ihm erst langsam auf, als er entdeckte, wie sehr
sich Herr Otto beim Übergang von der Chronica sive
Historia de duabus civitatibus zu den Gesta Friderici widersprach.
Als Otto stirbt, flüstert er Baudolino
geheimnisvolle letzte Worte ins Ohr:
"Baudolino, denk an das Reich
des Presbyters Johannes. Nur wenn man danach sucht, wird
man das Banner der Christenheit über Byzanz und Jerusalem
hinaustragen können. Ich habe dich viele Geschichten
erfinden hören, die der Kaiser geglaubt hat. Also wenn
du keine anderen Nachrichten über jenes Reich hast,
erfinde welche. Merk dir, ich bitte dich nicht zu bezeugen,
was du für falsch hältst - das wäre Sünde
-, sondern falsch zu bezeugen, was du für richtig hältst.
Das ist ein gutes Werk, denn es behebt den Mangel an Beweisen
für etwas, das zweifellos existiert oder geschehen
ist - und zweifellos existiert ein Priesterkönig Johannes
jenseits der Länder der Perser und der Armenier, hinter
Bakta, Ekbatana, Persepolis, Susa und Arbela, woher die
Magier kamen
Dränge Friedrich nach Osten, denn
von dort kommt das Licht, das ihn beleuchten wird als den
größten aller Königem
Zieh den Kaiser
aus jenem Sumpf, der sich zwischen Mailand und Rom erstreckt
er könnte sonst bis zum Tod darin befangen bleiben.
Er muß sich fernhalten von einem Reich, in dem auch
ein Papst befiehlt. Sonst ist er immer nur zur Hälfte
Kaiser. Denk daran, Baudolino
Der Priester Johannes
Der Weg nach Osten
"
Eine Aufforderung, die sich Baudolino
zur Lebensaufgabe macht.
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