Der Autor
Das Buch

"Wer gut lügt, kann auch gut dichten"

Wer gegen wen

Wer mit wem -
Baudolino und seine Gefährten


Der Brief des Priesters Johannes
Hanser

Bischof Otto von Freising und Rahewin, Geschichtsschreiber und Sekretär, sollen sich um die Ausbildung des jungen Baudolino kümmern:

Friedrich hatte Baudolino in die Obhut von Bischof Otto und dessen Sekretär Rahewin gegeben. Otto, ein Sprößling des großen Adelsgeschlechts der Babenberger, war als Bruder der Mutter ein Onkel des Kaisers, wenn auch nur knapp zehn Jahre älter als er. Ein Gelehrter von höchstem Rang, hatte er zuerst in Paris bei dem großen Abaelard studiert und sich dann für den Orden der Zisterzienser entschieden, und er war noch jung an Jahren gewesen, als ihm die Würde des Bischofs von Freising verliehen wurde. Nicht daß er dieser noblen Stadt viel Zeit und Kraft gewidmet hätte - erklärte Baudolino seinem Zuhörer -, in der abendländischen Christenheit wurden die Söhne von Adelsfamilien oft zu Bischöfen dieses oder jenes Ortes ernannt, ohne sich wirklich dorthin verfügen zu müssen. Es genügte, die Einkünfte zu kassieren.

Otto war noch nicht fünfzig, wirkte aber fast doppelt so alt. Immer ein bißchen hüstelnd, geplagt von täglich wechselnden Zipperlein, mal Hüft-, mal Rückenschmerzen, dazu ein Blasensteinleiden, auch etwas triefäugig wegen des vielen Lesens und Schreibens, dem er sowohl im Licht der Sonne wie auch in dem einer Lampe oblag. Überaus reizbar, wie es bei Gichtkranken häufig vorkommt, hatte er bei seinem ersten Gespräch mit Baudolino fast knurrend gesagt: "Du hast dir die Gunst des Kaisers mit allerlei Lügenmärchen erkauft, nicht wahr?"
"Nein, bestimmt nicht, Meister, ich schwöre es", hatte Baudolino protestiert. Und darauf Otto: "Genau, ein Lügner, der etwas verneint, bejaht es. Komm mit, ich werde dir alles beibringen, was ich weiß."
Woran man sieht, daß Herr Otto im Grunde ein herzensguter Mann war, der Baudolino gleich mochte, weil er in ihm einen hellen Jungen mit rascher Auffassungsgabe erkannte. Aber er hatte auch gleich bemerkt, daß Baudolino nicht nur lautstark verkündete, was er gelernt, sondern auch, was er sich bloß ausgedacht hatte. "Baudolino", sagte er zu ihm, "du bist ein geborener Lügner."
"Warum sagt Ihr so etwas, Meister?"
"Weil es wahr ist. Aber glaub nicht, daß ich dir deshalb einen Vorwurf mache. Willst du ein Mann der Schrift werden und womöglich eines Tages auch Historien schreiben, so mußt du auch lügen und Geschichten erfinden können, sonst wird deine Historia langweilig. Aber du mußt es in Maßen tun. Die Welt verurteilt die Lügner, die nichts als Lügen erzählen, selbst über die geringsten Dinge, und sie preist die Poeten, die nur Lügen über die allergrößten Dinge erzählen."
Baudolino nahm sich diese Lehren seines Meisters zu Herzen, und in welchem Ausmaß auch dieser ein Lügner war, ging ihm erst langsam auf, als er entdeckte, wie sehr sich Herr Otto beim Übergang von der Chronica sive Historia de duabus civitatibus zu den Gesta Friderici widersprach.

Als Otto stirbt, flüstert er Baudolino geheimnisvolle letzte Worte ins Ohr:

"Baudolino, denk an das Reich des Presbyters Johannes. Nur wenn man danach sucht, wird man das Banner der Christenheit über Byzanz und Jerusalem hinaustragen können. Ich habe dich viele Geschichten erfinden hören, die der Kaiser geglaubt hat. Also wenn du keine anderen Nachrichten über jenes Reich hast, erfinde welche. Merk dir, ich bitte dich nicht zu bezeugen, was du für falsch hältst - das wäre Sünde -, sondern falsch zu bezeugen, was du für richtig hältst. Das ist ein gutes Werk, denn es behebt den Mangel an Beweisen für etwas, das zweifellos existiert oder geschehen ist - und zweifellos existiert ein Priesterkönig Johannes jenseits der Länder der Perser und der Armenier, hinter Bakta, Ekbatana, Persepolis, Susa und Arbela, woher die Magier kamen … Dränge Friedrich nach Osten, denn von dort kommt das Licht, das ihn beleuchten wird als den größten aller Königem … Zieh den Kaiser aus jenem Sumpf, der sich zwischen Mailand und Rom erstreckt … er könnte sonst bis zum Tod darin befangen bleiben. Er muß sich fernhalten von einem Reich, in dem auch ein Papst befiehlt. Sonst ist er immer nur zur Hälfte Kaiser. Denk daran, Baudolino … Der Priester Johannes … Der Weg nach Osten …"

Eine Aufforderung, die sich Baudolino zur Lebensaufgabe macht.