Der Autor
Das Buch

"Wer gut lügt, kann auch gut dichten"

Wer gegen wen

Wer mit wem -
Baudolino und seine Gefährten


Der Brief des Priesters Johannes
Hanser

Boron

war ein fahrender Scholar, der aus Montbéliard stammte, sich zur Zeit in Paris aufhielt (wo er die Bibliothek von Sankt Viktor frequentierte) und schon morgen wer weiß wo sein konnte, denn er verfolgte offenbar ein bestimmtes Projekt, über das er mit niemandem sprach. Er hatte einen großen Strubbelkopf und rote Augen vom vielen Lesen bei Kerzenlicht, aber er schien tatsächlich ein Ausbund von Gelehrsamkeit zu sein. Er faszinierte die beiden gleich bei ihrer ersten Begegnung, natürlich in einer Taverne, indem er ihnen subtilste Fragen vorlegte, über die ihre Magister tagelang disputiert hätten - ob sich Sperma einfrieren ließe, ob eine Prostituierte empfangen könne, ob der Schweiß am Kopf übler rieche als an anderen Körperteilen, ob die Ohren rot würden, wenn man sich schämte, ob ein Mann über den Tod der Geliebten mehr trauere als über ihre Hochzeit mit einem anderen, ob die Adligen hängende Ohren haben müßten und ob die Verrückten bei Vollmond noch verrückter würden. Die Frage, die ihn am meisten beschäftigte, war die nach der Existenz der Leere, ein Thema, in dem er sich besser als jeder andere Philosoph auszukennen behauptete.
"Die Leere", dozierte Boron mit schon leicht belegter Zunge, "existiert nicht, weil die Natur sie verabscheut. Daß sie nicht existiert, ist erstens aus philosophischen Gründen evident, denn würde sie existieren, müßte sie entweder Substanz oder Akzidens sein. Körperliche Substanz ist sie nicht, denn sonst wäre sie greifbar und würde Raum füllen, und unkörperliche Substanz ist sie auch nicht, denn sonst wäre sie intelligent, wie die Engel. Aber sie ist auch nicht Akzidens, denn Akzidentia existieren nur als Attribute von Substanzen. Zweitens existiert die Leere nicht aus physischen Gründen: Nimm ein zylindrisches Gefäß …"
"Aber wieso", unterbrach ihn Baudolino, "liegt dir so viel daran, zu beweisen, daß die Leere nicht existiert? Was kümmert's dich?"
"Es kümmert, es kümmert. Die Leere kann entweder interstitiell sein, das heißt in den Zwischenräumen zwischen Körper und Körper in unserer irdischen Welt existieren, oder sie kann ausgedehnt sein, hinaus über die Ränder des Universums, das wir sehen, nur begrenzt durch die große Kugel der Himmelskörper. Wenn dem so wäre, könnten in jener Leere andere Welten existieren. Doch wenn man beweist, daß die interstitielle Leere nicht existiert, dann kann die ausgedehnte erst recht nicht existieren."
"Aber was kümmert's dich, ob es andere Welten gibt?"
"Es kümmert, es kümmert."

Und gerade weil Boron sich um alles kümmert, ist auch dieser Freund an der Geschichte um den Priester Johannes mehr als interessiert.