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Boron
war ein fahrender Scholar, der aus
Montbéliard stammte, sich zur Zeit in Paris aufhielt
(wo er die Bibliothek von Sankt Viktor frequentierte) und
schon morgen wer weiß wo sein konnte, denn er verfolgte
offenbar ein bestimmtes Projekt, über das er mit niemandem
sprach. Er hatte einen großen Strubbelkopf und rote
Augen vom vielen Lesen bei Kerzenlicht, aber er schien tatsächlich
ein Ausbund von Gelehrsamkeit zu sein. Er faszinierte die
beiden gleich bei ihrer ersten Begegnung, natürlich
in einer Taverne, indem er ihnen subtilste Fragen vorlegte,
über die ihre Magister tagelang disputiert hätten
- ob sich Sperma einfrieren ließe, ob eine Prostituierte
empfangen könne, ob der Schweiß am Kopf übler
rieche als an anderen Körperteilen, ob die Ohren rot
würden, wenn man sich schämte, ob ein Mann über
den Tod der Geliebten mehr trauere als über ihre Hochzeit
mit einem anderen, ob die Adligen hängende Ohren haben
müßten und ob die Verrückten bei Vollmond
noch verrückter würden. Die Frage, die ihn am
meisten beschäftigte, war die nach der Existenz der
Leere, ein Thema, in dem er sich besser als jeder andere
Philosoph auszukennen behauptete.
"Die Leere", dozierte Boron mit schon leicht belegter
Zunge, "existiert nicht, weil die Natur sie verabscheut.
Daß sie nicht existiert, ist erstens aus philosophischen
Gründen evident, denn würde sie existieren, müßte
sie entweder Substanz oder Akzidens sein. Körperliche
Substanz ist sie nicht, denn sonst wäre sie greifbar
und würde Raum füllen, und unkörperliche
Substanz ist sie auch nicht, denn sonst wäre sie intelligent,
wie die Engel. Aber sie ist auch nicht Akzidens, denn Akzidentia
existieren nur als Attribute von Substanzen. Zweitens existiert
die Leere nicht aus physischen Gründen: Nimm ein zylindrisches
Gefäß
"
"Aber wieso", unterbrach ihn Baudolino, "liegt
dir so viel daran, zu beweisen, daß die Leere nicht
existiert? Was kümmert's dich?"
"Es kümmert, es kümmert. Die Leere kann entweder
interstitiell sein, das heißt in den Zwischenräumen
zwischen Körper und Körper in unserer irdischen
Welt existieren, oder sie kann ausgedehnt sein, hinaus über
die Ränder des Universums, das wir sehen, nur begrenzt
durch die große Kugel der Himmelskörper. Wenn
dem so wäre, könnten in jener Leere andere Welten
existieren. Doch wenn man beweist, daß die interstitielle
Leere nicht existiert, dann kann die ausgedehnte erst recht
nicht existieren."
"Aber was kümmert's dich, ob es andere Welten
gibt?"
"Es kümmert, es kümmert."
Und gerade weil Boron sich um alles kümmert,
ist auch dieser Freund an der Geschichte um den Priester Johannes
mehr als interessiert.
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