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Das Buch

"Wer gut lügt, kann auch gut dichten"

Wer gegen wen

Wer mit wem -
Baudolino und seine Gefährten


Der Brief des Priesters Johannes
Hanser
 
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Wer gut lügt, kann auch gut dichten
Umberto Eco und sein Baudolino-Roman
Von Horst Fuhrmann

Die Geschichte kennt kräftige Sprüche. Da war zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Italiener, ein Florentiner von der diesen Leuten eigenen Rücksichtslosig keit, der neu an die Macht Gekommenen anempfahl, sofort nach Regierungsübernahme den Gegnern den Kopf abzuschlagen und nicht erst zu warten, bis diese Querulanten Schwierigkeiten machten. Ein Ulmer Bürger bekannte sich um die Mitte des 16. Jahrhunderts (1564) unverfroren zu dem Satz "Eigennutz geht vor Gemeinnutz", und im 17. Jahrhundert schluckte ein französischer König sein ganzes Volk mit der Behauptung, der Staat sei er. So ließe sich fortfahren. Im 19. Jahrhundert verkündete ein aus einem Pastorenhause kommender und im züchtigen Schulpforta erzogener deutscher Philosoph kurz und bündig "Gott ist tot". Und soeben erfahren wir, daß im 12. Jahrhundert ein frommer Kirchenmann die Ansicht vertrat, man dürfe bedenkenlos Beweise für etwas fälschen, was man für wahr und richtig halte. Soll man eine solche Gesinnung tadeln, wo doch der heilige Kirchenvater Augustin die verheimlichte Wahrheit nicht als Sünde angesehen hat, und hier wird ja die Wahrheit ans Licht gebracht?

I

Der unbefangene Kirchenmann ist nicht etwa der Pfarrer von Krähwinkel, sondern Bischof Otto von Freising (†1158), der berühmteste Geschichtsschreiber des deutschen Hochmittelalters, ein Onkel des ruhm reichen Kaisers Friedrich Barbarossa. Er vertraut diese Bot schaft einem tatengierigen Hallodri an, den er in die Schule genommen hat und zusammen mit seinem Mitarbeiter und späteren Fortsetzer seines Werkes, dem Kanoniker Rahewin, unterrichtet. Der Mann heißt Baudolino und kommt aus Alessandria, jener Stadt, die, 1168 gegründet, ihren Namen von Papst Alexander III., dem Erzfeind Barbarossas, empfangen hat. In dieser Gegend wurde der lizensierte Lügner Baudolino um 1143 geboren, und sein Leben läßt sich bis kurz nach 1204 verfolgen, dann verschwindet seine Gestalt im Dunkel.
Dieser Baudolino war ein enger Vertrauter Barbarossas, nachdem er als etwa Dreizehnjähriger dem Kaiser, ohne ihn erkannt zu haben, eine siegreiche Belagerung des benachbarten Tortona vorausgesagt hatte, denn in den Nebelschwaden der heimatlichen Wälder war ihm kurz zuvor der Heilige Baudolino, dessen Namen er trug, erschienen und hatte ihm diese Erfolgsbotschaft offenbart. Barbarossa zog ihn an seinen Hof, und Baudolino betrachtete den Kaiser, der ihn in die Wange kniff, "wie es mein Vater nie getan hat", als seinen Ziehvater.

II

Die Zeit des Staufers Friedrich Barbarossa (1152 bis 1190) gilt in der trüben Flucht der Jahrhunderte als eine Glanzzeit deutscher Kaisergeschichte; Dichter besangen sein Lob, so der mitreißende "Archipoeta", wie er in der Handschrift heißt, dessen wahren Namen wir jedoch nicht kennen: "Kaiser unser, sei gegrüßt, Herrscher hier auf Erden! Allen Guten sei dein Joch sanft und ohn' Beschwerden" usw. Der "Erzpoet" kam aus der Umgebung des Erzkanzlers Rainald von Dassel, des gewählten Erzbischofs von Köln, und als der Dichter von einem Neider wegen seines Lotterlebens bei seinem Brotherrn angeschwärzt worden war, ge stand er offen: "Mein Begehr und Willen ist: in der Schenke sterben, wo mir Wein die Lippen netzt, bis sie sich entfärben!" Des "Archipoets" Dichtform mündet in die Studentenlieder des "Gaudeamus igitur" ein und schließlich in die Kommersbücher. Bewunderung für diesen Anonymus.

Einer der kostbarsten Schätze des Kölner Doms ist der prächtige Dreikönigsschrein, den Meister Nikolaus von Verdun und seine Werkstatt in den Jahren 1180 bis 1220 angefertigt haben. Er enthält die Gebeine der drei Weisen, der drei Magier aus dem Morgenland, die Erzbischof Rainald auf recht bedenkliche Weise aus Mailand hat überführen lassen. Kölns Stolz.
Kaiser Friedrich Barbarossa stand in der Mitte der 60er Jahre des 12. Jahrhunderts auf der Höhe seiner Macht, das widerspenstige Mailand war niedergeworfen, die entfremdeten königlichen Rechte wurden von Juristen der Universität Bologna, deren Scholaren er schützte, festgestellt und eingetrieben, aber es fehlte der sichtbare Ahnherr, dem man sich zuordnen konnte. Man hatte sich einen eigenen Papst zugelegt, der den unbotmäßigen Alexander III. ausschalten sollte, der angstvoll aus Rom nach Frankreich entwichen war. Jetzt Karl den Großen heiligsprechen zu lassen, mit Pomp die Zeremonie in Aachen aufzuziehen, da wird sichtbar, in welche Ahnenreihe der "Kaiser Friederich" und seine "Herrlichkeit" einzuordnen sind. Und so geschah es auch. Am Tag der Vigil des Protokönigs David, am 29. Dezember 1165, wurde Charlemagne den Franzosen und ihrem päpstlichen Schützling Alexander III. entwunden und als deutscher Karl der Große zur Ehre der Altäre erhoben. Ein Geniestreich.

Aber nachdem eine Malaria-Epidemie im ferragosto des Jahres 1167 einen großen Teil des deutschen Ritterheeres vor Rom hinweggerafft hatte, darunter auch Rainald von Dassel, sank der Stern Friedrichs, der sich in Knechtstracht durch Norditalien nach Deutschland hat hindurchschleichen müssen. Vollends kritisch wurde es, als der kaiserfeindliche lombardische Städtebund 1176 bei Legnano einen glänzenden Sieg erfocht. Friedrich brauchte den Frieden. Auf undurchsichtige Weise kam eine Annäherung zwischen Alexander III. und Barbarossa zustande, und im Jahre 1177 wurde in Venedig der Friede geschlossen, der Friedrich mehr einbrachte, als die üble Ausgangslage erwarten ließ. Ein kluger Schachzug.

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