Der Autor
Das Buch

"Wer gut lügt, kann auch gut dichten"

Wer gegen wen

Wer mit wem -
Baudolino und seine Gefährten


Der Brief des Priesters Johannes
Hanser

Gagliaudo Aulari, der schlechtgelaunte leibliche Vater des Baudolino, hält seinen wortgewandten Sohn für faul und nichtsnutzig. Als Baudolino nach dreizehn Jahren zum erstenmal wieder in seine Heimat reist, kann jedoch auch der Alte seine Wiedersehensfreude kaum verhehlen:

"Ich habe dich noch nie gesehen, aber du siehst aus wie einer, der heimkehrt. Woher kommst du?"
"Herr", antwortete Baudolino höflich, "ich bin in der Frascheta geboren, aber ich war viele Jahre fort und weiß nichts von alledem, was hier geschieht. Ich heiße Baudolino, Sohn des Gagliaudo Aulari …"
Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da hob einer aus der Gruppe der Neugekommenen, ein Alter mit weißem Haar und weißem Bart, einen Stock und fing an zu zetern: "Lügner, verdammter, der Blitz soll dich treffen, wie kannst du's wagen, den Namen meines armen Baudolino zu benutzen, meines Sohnes, jawohl, denn ich selbst bin der Gagliaudo Aulari, und vor so vielen Jahren ist er fortgezogen mit einem alemannischen Herrn, der ein großer Herr schien, aber wohl doch bloß ein Gaukler war, der Affen auf den Jahrmärkten tanzen läßt, denn ich hab' nie wieder was von meinem Jungen gehört, nach so vielen Jahren kann er nur tot sein, weshalb meine liebe Frau und ich uns seit dreißig Jahren verzehren, denn das ist der größte Schmerz unseres Lebens gewesen, das eh schon schwer genug war, aber einen Sohn zu verlieren, was das bedeutet, weiß nur, wer's selber erfahren hat!"
Da konnte Baudolino nicht länger an sich halten und rief: "Vater, mein Vater, du bist es wirklich!" und die Stimme versagte ihm fast und Tränen sprangen ihm in die Augen, aber es waren Tränen, die eine große Freude verrieten. Dann fügte er hinzu: "Aber es sind keine dreißig Jahre gewesen, die ihr gelitten habt, ich bin erst vor dreizehn Jahren fortgegangen, und du solltest froh sein, daß aus mir was geworden ist." Der Alte trat zu dem Maultier, sah Baudolino ins Gesicht und sagte: "Auch du bist es wirklich! Wären auch dreißig Jahre vergangen, diesen dußligen Blick hast du nicht verloren, aber weißt du, was ich dir sage? Du magst vielleicht jemand geworden sein, aber deinem Vater unrecht geben, das darfst du nicht. Wenn ich dreißig Jahre gesagt habe, dann weil es mir vorgekommen ist wie dreißig Jahre, und in dreißig Jahren hättest du auch mal was von dir hören lassen können, Unglücksmensch, nichtsnutziger, jawohl, das bist du, du bist das Unglück unserer Familie, komm runter da von deinem Maultier, das du wahrscheinlich gestohlen hast, daß ich dir diesen Knüppel über die Rübe haue!"

Gagliaudo Aulari kann zwar nicht rechnen, doch als Friedrich Barbarossa seine neu erbaute Heimatstadt Alessandria belagert, hat er eine ebenso einfache wie geniale Idee:

"Mal angenommen", sagte da der alte Gagliaudo mit jener Weisheit, die - wie jeder weiß - der Herrgott nur den Seinen verleiht, "mal angenommen, die Kaiserlichen fangen eine von unseren Kühen und finden sie so voller Getreide, daß der Bauch fast platzt. Dann werden der Barbarossa und seine Leute doch denken, wir hätten noch so viel zu essen, daß wir noch ewig und in sculasculorum standhalten könnten, und dann sind es die Herren selbst und die Soldaten, die sagen, laßt uns hier abziehen, sonst sind wir nächstes Ostern noch hier …"

Als der alte Gagliaudo Aulari im Sterben liegt, kommt Baudolino auf wundersame Weise in den Besitz des heiligen Gradals:

Am folgenden Morgen erzählte ihm Baudolino, daß er dem Kaiser den Gradal schenken werde, den Kelch, aus dem der Herr Jesus getrunken habe.
"Ach ja? Und woraus ist er?"
"Ganz aus Gold, besetzt mit Lapislazuli."
"Da siehst du mal wieder, wie dumm du bist! Unser Herr Jesus war der Sohn eines Zimmermanns und lebte zusammen mit Hungerleidern, die noch ärmer waren als er. Sein ganzes Leben lang hat er dasselbe Gewand getragen, der Priester in der Kirche hat uns gesagt, daß es keine Nähte hatte, damit es nicht kaputtging, bevor er das dreiunddreißigste Jahr vollendet hatte, und jetzt kommst du daher und willst mir erzählen, daß er sich's gutgehen ließ mit einem Kelch aus Gold und Lapizzupappzuli! Was erzählst du mir da? Es wär' schon viel gewesen, wenn er so eine Schale wie diese da gehabt hätte, die ihm sein Vater aus einer Wurzel geschnitzt haben könnte, wie ich's mir gemacht hab'. So was hält ein Leben lang und zerbricht nicht mal, wenn du mit dem Hammer draufhaust, nein wirklich! Aber wo ich grad davon rede, gib mir noch mal ein bißchen was von diesem Blut Christi rüber, das ist das einzige, was einem hilft, auf gute Weise zu sterben."
Bei allen Teufeln der Hölle! sagte sich Baudolino. Dieser arme Alte hat recht! Der Gradal muß eine Schale wie diese da gewesen sein! Schlicht, einfach, arm wie Unser Herr Jesus. Darum ist er womöglich hier, in jedermanns
Reichweite, und keiner hat ihn jemals erkannt, weil sie immer nach etwas Funkelndem und Glänzendem suchten! (…)

Baudolino ging noch einmal ins Haus seiner Eltern, um sich ein Andenken zu holen, da er beschlossen hatte, nie mehr wiederzukommen. Auf dem Boden sah er die hölzerne Trinkschale seines Vaters liegen und hob sie wie eine kostbare Reliquie auf. Er spülte sie sorgfältig ab, damit sie nicht mehr nach Wein roch, denn, so sagte er sich, wenn man eines Tages sagen würde, dies sei der Gradal, dann würde sie nach all der Zeit, die seit dem Letzten Abendmahl vergangen war, nach nichts mehr riechen dürfen - außer vielleicht nach jenen Aromen, die im Glauben, dies sei der Wahre Kelch, sicherlich alle riechen würden. Er wickelte sie in seinen Mantel und nahm sie mit.