|
Gagliaudo
Aulari, der schlechtgelaunte leibliche
Vater des Baudolino, hält seinen wortgewandten Sohn für
faul und nichtsnutzig. Als Baudolino nach dreizehn Jahren
zum erstenmal wieder in seine Heimat reist, kann jedoch auch
der Alte seine Wiedersehensfreude kaum verhehlen:
"Ich habe dich noch nie gesehen,
aber du siehst aus wie einer, der heimkehrt. Woher kommst
du?"
"Herr", antwortete Baudolino höflich, "ich
bin in der Frascheta geboren, aber ich war viele Jahre fort
und weiß nichts von alledem, was hier geschieht. Ich
heiße Baudolino, Sohn des Gagliaudo Aulari
"
Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da hob einer aus
der Gruppe der Neugekommenen, ein Alter mit weißem
Haar und weißem Bart, einen Stock und fing an zu zetern:
"Lügner, verdammter, der Blitz soll dich treffen,
wie kannst du's wagen, den Namen meines armen Baudolino
zu benutzen, meines Sohnes, jawohl, denn ich selbst bin
der Gagliaudo Aulari, und vor so vielen Jahren ist er fortgezogen
mit einem alemannischen Herrn, der ein großer Herr
schien, aber wohl doch bloß ein Gaukler war, der Affen
auf den Jahrmärkten tanzen läßt, denn ich
hab' nie wieder was von meinem Jungen gehört, nach
so vielen Jahren kann er nur tot sein, weshalb meine liebe
Frau und ich uns seit dreißig Jahren verzehren, denn
das ist der größte Schmerz unseres Lebens gewesen,
das eh schon schwer genug war, aber einen Sohn zu verlieren,
was das bedeutet, weiß nur, wer's selber erfahren
hat!"
Da konnte Baudolino nicht länger an sich halten und
rief: "Vater, mein Vater, du bist es wirklich!"
und die Stimme versagte ihm fast und Tränen sprangen
ihm in die Augen, aber es waren Tränen, die eine große
Freude verrieten. Dann fügte er hinzu: "Aber es
sind keine dreißig Jahre gewesen, die ihr gelitten
habt, ich bin erst vor dreizehn Jahren fortgegangen, und
du solltest froh sein, daß aus mir was geworden ist."
Der Alte trat zu dem Maultier, sah Baudolino ins Gesicht
und sagte: "Auch du bist es wirklich! Wären auch
dreißig Jahre vergangen, diesen dußligen Blick
hast du nicht verloren, aber weißt du, was ich dir
sage? Du magst vielleicht jemand geworden sein, aber deinem
Vater unrecht geben, das darfst du nicht. Wenn ich dreißig
Jahre gesagt habe, dann weil es mir vorgekommen ist wie
dreißig Jahre, und in dreißig Jahren hättest
du auch mal was von dir hören lassen können, Unglücksmensch,
nichtsnutziger, jawohl, das bist du, du bist das Unglück
unserer Familie, komm runter da von deinem Maultier, das
du wahrscheinlich gestohlen hast, daß ich dir diesen
Knüppel über die Rübe haue!"
Gagliaudo Aulari kann zwar nicht rechnen,
doch als Friedrich Barbarossa seine neu erbaute Heimatstadt
Alessandria belagert, hat er eine ebenso einfache wie geniale
Idee:
"Mal angenommen", sagte
da der alte Gagliaudo mit jener Weisheit, die - wie jeder
weiß - der Herrgott nur den Seinen verleiht, "mal
angenommen, die Kaiserlichen fangen eine von unseren Kühen
und finden sie so voller Getreide, daß der Bauch fast
platzt. Dann werden der Barbarossa und seine Leute doch
denken, wir hätten noch so viel zu essen, daß
wir noch ewig und in sculasculorum standhalten könnten,
und dann sind es die Herren selbst und die Soldaten, die
sagen, laßt uns hier abziehen, sonst sind wir nächstes
Ostern noch hier
"
Als der alte Gagliaudo Aulari im Sterben
liegt, kommt Baudolino auf wundersame Weise in den Besitz
des heiligen Gradals:
Am folgenden Morgen erzählte
ihm Baudolino, daß er dem Kaiser den Gradal schenken
werde, den Kelch, aus dem der Herr Jesus getrunken habe.
"Ach ja? Und woraus ist er?"
"Ganz aus Gold, besetzt mit Lapislazuli."
"Da siehst du mal wieder, wie dumm du bist! Unser Herr
Jesus war der Sohn eines Zimmermanns und lebte zusammen
mit Hungerleidern, die noch ärmer waren als er. Sein
ganzes Leben lang hat er dasselbe Gewand getragen, der Priester
in der Kirche hat uns gesagt, daß es keine Nähte
hatte, damit es nicht kaputtging, bevor er das dreiunddreißigste
Jahr vollendet hatte, und jetzt kommst du daher und willst
mir erzählen, daß er sich's gutgehen ließ
mit einem Kelch aus Gold und Lapizzupappzuli! Was erzählst
du mir da? Es wär' schon viel gewesen, wenn er so eine
Schale wie diese da gehabt hätte, die ihm sein Vater
aus einer Wurzel geschnitzt haben könnte, wie ich's
mir gemacht hab'. So was hält ein Leben lang und zerbricht
nicht mal, wenn du mit dem Hammer draufhaust, nein wirklich!
Aber wo ich grad davon rede, gib mir noch mal ein bißchen
was von diesem Blut Christi rüber, das ist das einzige,
was einem hilft, auf gute Weise zu sterben."
Bei allen Teufeln der Hölle! sagte sich Baudolino.
Dieser arme Alte hat recht! Der Gradal muß eine Schale
wie diese da gewesen sein! Schlicht, einfach, arm wie Unser
Herr Jesus. Darum ist er womöglich hier, in jedermanns
Reichweite, und keiner hat ihn jemals erkannt, weil sie
immer nach etwas Funkelndem und Glänzendem suchten!
(
)
Baudolino ging noch einmal ins Haus
seiner Eltern, um sich ein Andenken zu holen, da er beschlossen
hatte, nie mehr wiederzukommen. Auf dem Boden sah er die
hölzerne Trinkschale seines Vaters liegen und hob sie
wie eine kostbare Reliquie auf. Er spülte sie sorgfältig
ab, damit sie nicht mehr nach Wein roch, denn, so sagte
er sich, wenn man eines Tages sagen würde, dies sei
der Gradal, dann würde sie nach all der Zeit, die seit
dem Letzten Abendmahl vergangen war, nach nichts mehr riechen
dürfen - außer vielleicht nach jenen Aromen,
die im Glauben, dies sei der Wahre Kelch, sicherlich alle
riechen würden. Er wickelte sie in seinen Mantel und
nahm sie mit.
|