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Der
Priester Johannes ist eine Gestalt,
von der keiner so recht weiß, ob sie wirklich lebt oder
erfunden ist. Otto von Freising ist es, der zum erstenmal
von diesem Priester gehört hat.
ich habe geschrieben, daß
vor geraumer Zeit, als Eugen III. auf dem Stuhl Petri saß,
der syrische Bischof Hugo von Gabala, der mit einer armenischen
Gesandtschaft zu Besuch beim Papst war, ihm erzählte,
es gebe im äußersten fernen Osten, in der Nähe
des Irdischen Paradieses, das Reich eines Priesterkönigs,
des sogenannten Presbyter Johannes, der sicher ein christlicher
König sei, wenn auch ein Anhänger der Nestorianischen
Häresie, und dessen Vorfahren jene Magier aus dem Morgenlande
gewesen seien, Priesterkönige auch sie, aber Inhaber
einer uralten Weisheit, die das Jesuskind in der Krippe
besucht hatten."
"Und was habe ich, der Kaiser des Heiligen Römischen
Reiches, mit diesem Priester Johannes zu tun, den der Herr
noch lange als Priesterkönig bewahren möge in
seinem Maurenreich, wo immer das liegen mag?"
"Siehst du, mein illustrer Neffe, der du Mauren sagst
und dabei genauso denkst wie die anderen christlichen Könige,
die sich in der Verteidigung Jerusalems verausgaben - eine
überaus fromme Unternehmung, kein Zweifel, aber überlaß
sie dem König von Frankreich, nachdem jetzt ohnehin
die Franken in Jerusalem das große Wort führen.
Die Bestimmung der Christenheit und eines jeden Reiches,
das sich als heilig und römisch versteht, liegt jenseits
der Mauren. Es gibt ein christliches Reich im Osten von
Jerusalem und dem Lande der Ungläubigen. Und der Kaiser,
dem es gelänge, die beiden Reiche zu vereinigen, würde
dadurch das Reich der Ungläubigen und selbst das von
Byzanz auf zwei einsame Inseln reduzieren, die verloren
im großen Meer seines Ruhmes lägen!"
"Phantasien, lieber Onkel. Bleiben wir mit den Beinen
auf dem Boden, wenn's recht ist."
Weder ihm noch Baudolino wird es gelingen,
Friedrich Barbarossa zu einer Reise in das sagenhafte Land
zu bewegen. Und das grenzt schon fast an ein Wunder, denn
Baudolinos Bemühungen sind beachtlich: Gemeinsam mit
seinen Studienfreunden erdichtet er einen Brief des Priesters
Johannes an Friedrich Barbarossa, der dann tatsächlich,
Jahre später, auftaucht. Allerdings ist dieser Brief
an einen gewissen Basileus Manuel gerichtet. Und Papst Alexander
III. ist sich nicht zu schade, sogar einen Antwortbrief zu
verfassen. So geht es hin und her und nach Friedrich Barbarossas
plötzlichem Tod, macht sich eine seltsame Gruppe endlich
auf zur Reise in das unbekannte Land.
Während also jeder jedem mißtraute,
mußten unsere Freunde entscheiden, wer an der Reise
teilnehmen sollte. Der Poet hatte zu bedenken gegeben, daß
sie zwölf sein müßten. Denn wenn sie während
der Reise zum Land des Priesters Johannes respektvoll behandelt
werden wollten, sei es ratsam, die Leute glauben zu lassen,
sie seien die zwölf Magierkönige auf dem Rückweg
aus Bethlehem. Da jedoch nicht gesichert sei, ob die Magier
wirklich zwölf waren oder doch nur drei, dürfe
keiner von ihnen jemals sagen, daß sie die Magier
seien; im Gegenteil, wenn jemand sie fragte, müßten
sie es verneinen, aber so, daß es klinge, als hätten
sie ein großes Geheimnis zu wahren. Gerade wenn und
weil sie es gegenüber allen verneinten, würde
es jeder glauben, der es glauben wolle. Der Glaube der anderen
würde aus ihrer Zurückhaltung eine Bejahung machen.
Nun waren da Baudolino, der Poet, Boron, Kyot, Abdul Solomon
und Boidi. Zosimos war unverzichtbar, da er fortfuhr zu
schwören, er habe die Karte des Kosmas Indikopleustes
im Kopf, auch wenn es allen nicht wenig gegen den Strich
ging, daß dieser Widerling einen der Magier darstellen
sollte, aber man durfte nicht zimperlich sein. Es fehlten
also noch vier Personen. Baudolino traute inzwischen nur
noch den Alexandrinern, und so weihte er vier von ihnen
in das Vorhaben ein: den Cuttica aus Quargnento, seinen
Schwager Colandrino Guasco, den Porcello und den Aleramo
Scaccabarozzi, genannt il Ciula, der trotz seines Spitznamens
("der Dödel") ein solider und zuverlässiger
Mann war, der nicht viele Fragen stellte. Sie erklärten
sich einverstanden, da auch ihnen inzwischen schien, daß
es mit Jerusalem ohnehin nichts mehr werden würde.
Der junge Friedrich gab ihnen zwölf Pferde und sieben
Maultiere mit Verpflegung für eine Woche. Danach, sagte
er, werde sich die Göttliche Vorsehung um sie kümmern.
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