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Niketas
Choniates, Geschichtsschreiber,
wird von Baudolino beim Brand von Konstantinopel gerettet.
Auf diese Weise kommen die beiden ins Gespräch:
"Erzähl mir, woran du dich
erinnerst. Ich sammle Bruch stücke von Geschehnissen,
Splitter von Begebenheiten und gewinne daraus eine Geschichte,
die sich anhört, als sei sie durchwirkt von einem Plan
der Vorsehung. Du hast mich gerettet und mir dadurch das
bißchen Zukunft gegeben, das mir noch verbleibt. Zum
Dank will ich dir die Vergangenheit wiedergeben, die du
verloren hast."
"Aber vielleicht ist meine Geschichte ja sinnlos
"
"Keine Geschichte ist sinnlos. Und ich bin einer von
denen, die den Sinn auch dort zu finden wissen, wo die anderen
ihn übersehen. Danach wird die Geschichte zum Buch
der Lebenden, wie eine Posaune, deren Klang selbst diejenigen
aus den Gräbern weckt, die jahrhundertelang im Staub
moderten
Ich brauche nur etwas Zeit, ich muß
die Geschehnisse bedenken, sie miteinander verbinden, die
Zusammenhänge entdecken, auch die weniger sichtbaren.
Aber wir haben ja nichts anderes zu tun, deine Genueser
sagen, es wird noch ein paar Tage dauern, bis sich die Wut
dieser Hunde gelegt hat."
Niketas Choniates, vormals Redner am Hofe, oberster Richter
des Reiches, Richter des Velums und Logothet der Sekreta
oder - wie man bei den Lateinern sagen würde - Kanzler
des Kaisers von Byzanz, zugleich Geschichtsschreiber vieler
Komnenen und der Angeloi, betrachtete neugierig den Mann,
der da vor ihm stand.
Und so kommt es, dass Baudolino ihm seine
Lebensgeschichte erzählt, in der Hoffnung, Niketas möge
sie für die Nachwelt aufschreiben.
Mein lieber Baudolino, dachte Niketas
bei sich, du bist wie der kretische Lügner: Du sagst
mir, du seist ein durchtriebener Lügner, und willst,
daß ich dir glaube. Du willst mir einreden, daß
du aller Welt Lügenmärchen erzählt hast,
nur mir nicht. In all den Jahren am Hof dieser Herrscher
habe ich gelernt, den Fallstricken noch raffinierterer Meisterlügner,
als du einer bist zu entgehen
Du selbst hast eingestanden,
daß du nicht mehr recht weißt, wer du bist,
und vielleicht liegt das gerade daran, daß du so viele
Lügen erzählt hast, sogar dir selbst. Und nun
verlangst du von mir, daß ich dir die Geschichte zusammenreime,
die du selbst nicht zu fassen bekommst. Aber ich bin kein
Lügner deines Schlages. Mein Leben lang habe ich die
Erzählungen anderer befragt, um aus ihnen die Wahrheit
ans Licht zu fördern. Vielleicht erwartest du von mir
eine Geschichte, die dich davon freisprechen soll, daß
du jemanden getötet hast, um den Tod deines Friedrich
zu rächen. Du konstruierst dir Schritt für Schritt
diese Liebesgeschichte mit deinem Kaiser, damit es dann
ganz natürlich erscheint, wenn du uns erklärst,
daß du die Pflicht hattest, ihn zu rächen. Immer
vorausgesetzt, daß er wirklich ermordet worden ist,
und zwar von dem, den du getötet hast
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