Der Autor
Das Buch

"Wer gut lügt, kann auch gut dichten"

Wer gegen wen

Wer mit wem -
Baudolino und seine Gefährten


Der Brief des Priesters Johannes
Hanser

Niketas Choniates, Geschichtsschreiber, wird von Baudolino beim Brand von Konstantinopel gerettet. Auf diese Weise kommen die beiden ins Gespräch:

"Erzähl mir, woran du dich erinnerst. Ich sammle Bruch stücke von Geschehnissen, Splitter von Begebenheiten und gewinne daraus eine Geschichte, die sich anhört, als sei sie durchwirkt von einem Plan der Vorsehung. Du hast mich gerettet und mir dadurch das bißchen Zukunft gegeben, das mir noch verbleibt. Zum Dank will ich dir die Vergangenheit wiedergeben, die du verloren hast."
"Aber vielleicht ist meine Geschichte ja sinnlos …"
"Keine Geschichte ist sinnlos. Und ich bin einer von denen, die den Sinn auch dort zu finden wissen, wo die anderen ihn übersehen. Danach wird die Geschichte zum Buch der Lebenden, wie eine Posaune, deren Klang selbst diejenigen aus den Gräbern weckt, die jahrhundertelang im Staub moderten … Ich brauche nur etwas Zeit, ich muß die Geschehnisse bedenken, sie miteinander verbinden, die Zusammenhänge entdecken, auch die weniger sichtbaren. Aber wir haben ja nichts anderes zu tun, deine Genueser sagen, es wird noch ein paar Tage dauern, bis sich die Wut dieser Hunde gelegt hat."
Niketas Choniates, vormals Redner am Hofe, oberster Richter des Reiches, Richter des Velums und Logothet der Sekreta oder - wie man bei den Lateinern sagen würde - Kanzler des Kaisers von Byzanz, zugleich Geschichtsschreiber vieler Komnenen und der Angeloi, betrachtete neugierig den Mann, der da vor ihm stand.

Und so kommt es, dass Baudolino ihm seine Lebensgeschichte erzählt, in der Hoffnung, Niketas möge sie für die Nachwelt aufschreiben.

Mein lieber Baudolino, dachte Niketas bei sich, du bist wie der kretische Lügner: Du sagst mir, du seist ein durchtriebener Lügner, und willst, daß ich dir glaube. Du willst mir einreden, daß du aller Welt Lügenmärchen erzählt hast, nur mir nicht. In all den Jahren am Hof dieser Herrscher habe ich gelernt, den Fallstricken noch raffinierterer Meisterlügner, als du einer bist zu entgehen … Du selbst hast eingestanden, daß du nicht mehr recht weißt, wer du bist, und vielleicht liegt das gerade daran, daß du so viele Lügen erzählt hast, sogar dir selbst. Und nun verlangst du von mir, daß ich dir die Geschichte zusammenreime, die du selbst nicht zu fassen bekommst. Aber ich bin kein Lügner deines Schlages. Mein Leben lang habe ich die Erzählungen anderer befragt, um aus ihnen die Wahrheit ans Licht zu fördern. Vielleicht erwartest du von mir eine Geschichte, die dich davon freisprechen soll, daß du jemanden getötet hast, um den Tod deines Friedrich zu rächen. Du konstruierst dir Schritt für Schritt diese Liebesgeschichte mit deinem Kaiser, damit es dann ganz natürlich erscheint, wenn du uns erklärst, daß du die Pflicht hattest, ihn zu rächen. Immer vorausgesetzt, daß er wirklich ermordet worden ist, und zwar von dem, den du getötet hast …