"Unter diesen Mönchen war
ein gewisser Zosimos aus Chalkedon. Er hatte ein unglaublich
hageres Gesicht mit stechenden, wie Karfunkel glühenden
Augen, die er immerfort rollte, einen langen schwarzen Bart
und sehr langes Haar. Wenn er sprach, schien es immer, als
redete er mit einem Gekreuzigten, der zwei Handbreit vor
ihm verblutete."
"Ich kenne den Typus, unsere Klöster sind voll
davon. Sie sterben sehr jung, an Auszehrung
"
"Der nicht. Ich habe im ganzen Leben noch nie einen
solchen Schlemmer gesehen. Eines Abends nahm ich ihn auch
mit ins Haus zweier venezianischer Kurtisanen, die, wie
du vielleicht weißt, sehr berühmte Spezialistinnen
des ältesten Gewerbes der Welt sind. Um drei Uhr nachts
bin ich sternhagelvoll gegangen, aber er ist noch geblieben,
und einige Zeit später sagte mir eines der Mädchen,
sie hätten noch nie einen solchen Teufelskerl im Zaum
halten müssen."
Baudolino und Zosimos waren wenn
nicht Freunde, so doch Zechgenossen geworden. Angefangen
hatte es damit, daß Zosimos nach einem ersten ausgiebigen
Gelage einen gräßlichen Fluch ausgestoßen
und gesagt hatte, in jener Nacht würde er alle Opfer
des Kindermordes von Bethlehem für ein Mädchen
von loser Moral hingeben. Auf Baudolinos Frage, ob es das
sei, was man in byzantinischen Klöstern lerne, hatte
Zosimos geantwortet: "Wie Sankt Basilius gelehrt hat,
gibt es zwei Dämonen, die den Verstand verwirren können:
den der Unzucht und den des Fluchens. Aber der zweite wirkt
nur kurzzeitig, und der erste, solange er die Gedanken nicht
mit Leidenschaft aufwühlt, verhindert nicht die Kontemplation
Gottes." Sie waren sofort daran gegangen, sich ohne
Leidenschaft dem Dämon der Unzucht zu überlassen,
und Baudolino war bewußt geworden, daß Zosimos
für jede Lebenslage eine Sentenz irgendeines Theologen
oder Eremiten hatte, die ihm erlaubte, sich in Frieden mit
sich selbst zu fühlen.