Der Autor
Das Buch

"Wer gut lügt, kann auch gut dichten"

Wer gegen wen

Wer mit wem -
Baudolino und seine Gefährten


Der Brief des Priesters Johannes
Hanser

Zosimos aus Chalkedon ist ein Mönch eher zweifelhafter Herkunft.

"Unter diesen Mönchen war ein gewisser Zosimos aus Chalkedon. Er hatte ein unglaublich hageres Gesicht mit stechenden, wie Karfunkel glühenden Augen, die er immerfort rollte, einen langen schwarzen Bart und sehr langes Haar. Wenn er sprach, schien es immer, als redete er mit einem Gekreuzigten, der zwei Handbreit vor ihm verblutete."
"Ich kenne den Typus, unsere Klöster sind voll davon. Sie sterben sehr jung, an Auszehrung…"
"Der nicht. Ich habe im ganzen Leben noch nie einen solchen Schlemmer gesehen. Eines Abends nahm ich ihn auch mit ins Haus zweier venezianischer Kurtisanen, die, wie du vielleicht weißt, sehr berühmte Spezialistinnen des ältesten Gewerbes der Welt sind. Um drei Uhr nachts bin ich sternhagelvoll gegangen, aber er ist noch geblieben, und einige Zeit später sagte mir eines der Mädchen, sie hätten noch nie einen solchen Teufelskerl im Zaum halten müssen."

Baudolino und Zosimos waren wenn nicht Freunde, so doch Zechgenossen geworden. Angefangen hatte es damit, daß Zosimos nach einem ersten ausgiebigen Gelage einen gräßlichen Fluch ausgestoßen und gesagt hatte, in jener Nacht würde er alle Opfer des Kindermordes von Bethlehem für ein Mädchen von loser Moral hingeben. Auf Baudolinos Frage, ob es das sei, was man in byzantinischen Klöstern lerne, hatte Zosimos geantwortet: "Wie Sankt Basilius gelehrt hat, gibt es zwei Dämonen, die den Verstand verwirren können: den der Unzucht und den des Fluchens. Aber der zweite wirkt nur kurzzeitig, und der erste, solange er die Gedanken nicht mit Leidenschaft aufwühlt, verhindert nicht die Kontemplation Gottes." Sie waren sofort daran gegangen, sich ohne Leidenschaft dem Dämon der Unzucht zu überlassen, und Baudolino war bewußt geworden, daß Zosimos für jede Lebenslage eine Sentenz irgendeines Theologen oder Eremiten hatte, die ihm erlaubte, sich in Frieden mit sich selbst zu fühlen.

Er besitzt - angeblich - eine Karte des Reichs des Priesters Johannes, die er allerdings lieber für seine eigenen Zwecke nutzen möchte. Obwohl Baudolino seine Verschlagenheit sofort erkennt, rettet er ihm in Konstantinopel das Leben und nimmt ihn mit in sein Gefolge. Bei der Verwirrung um den Tod Friedrich Barbarossas verschwindet Zosimos plötzlich.