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Die Erforschung der Ursachen der Hysterie
Jean-Martin Charcot

Der 1825 in Paris geborene Jean-Martin Charcot gilt als Begründer der modernen Neurologie. Internationales Ansehen erlangte er durch seine Erforschung der Ursachen der Hysterie und ihrer Behandlung, womit er den Grundstein für die Psychoanalyse legte.
Charcot studierte Medizin an der Pariser Sorbonne. Zahlreiche, noch heute gebräuchliche medizinische Begriffe oder Krankheiten sind nach ihm benannt, z.B. das »Charcot-Gelenk«. Seine Approbation zum Krankenhausarzt erhielt er 1856, 1862 bekam er den Posten des Chefarztes an der Pariser Salpêtrière. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Abteilung für Nervenkrankheiten zum bedeutendsten französischen Zentrum für Nervenheilkunde im 19. Jahrhundert. 1872 wurde Charcot Professor für Pathologische Anatomie an der Medizinischen Fakultät der Sorbonne, und 1882 erhielt er den Lehrstuhl für Nervenleiden an der Salpêtrière.
Spätestens seit seinen Vorlesungen von 1872 über Nervenkrankheiten galt Charcots herausragendes Interesse der Hysterie. Zwar hatten schon frühere Ärztegenerationen die Hysterie ansatzweise als eine Gehirnkrankheit zu erklären versucht, doch Charcot war der erste, der psychische Faktoren (z.B. »wiederholte Schrecken« oder Erinnerungen an aufregende Ereignisse aus der Jugend) als ausschlaggebend einschätzte.
Für Aufsehen in der Pariser Gesellschaft sorgte er, als er in den 1880er Jahren hysterische Anfälle von Patientinnen unter Hypnose vor Publikum demonstrierte. Hierbei wertete er die Empfänglichkeit für Hypnose als ein spezielles hysterisches Symptom.
Berühmt waren auch seine »Dienstags-Vorträge«, die er in seinem prunkvollen Haus am Boulevard Saint-Germain hielt. Politiker, Künstler und zahlreiche später berühmt gewordene Mediziner wie Siegmund Freud wurden Zeugen der neuesten Forschungsergebnisse zur Hysterie, einer Krankheit, die später nie mehr so viele Patientinnen verzeichnete wie zu Charcots Lebzeiten.
Jean-Martin Charcot starb 1893 in Lac de Settons.

»Als Lehrer war Charcot geradezu fesselnd, jeder seiner Vorträge ein kleines Kunstwerk an Aufbau und Gliederung, formvollendet und in einer Weise eindringlich, daß man den ganzen Tag über das gehörte Wort nicht aus seinem Ohr und das demonstrierte Objekt nicht aus seinem Sinne bringen konnte. Er demonstrierte selten einen einzigen Kranken, meist eine Reihe oder Gegenstücke, die er miteinander verglich. Der Saal, in welchem er seine Vorlesungen hielt, war mit einem Bilde geschmückt, welches den ›Bürger‹ Pinel darstellt, wie er den armen Irrsinnigen der Salpêtrière die Fesseln abnehmen läßt; die Salpêtrière, die während der Revolution so viel Schrecken gesehen, war doch auch die Stätte dieser humansten aller Umwälzungen gewesen. Meister Charcot selbst machte bei einer solchen Vorlesung einen eigentümlichen Eindruck; er, der sonst vor Lebhaftigkeit und Heiterkeit übersprudelte, auf dessen Lippen der Witz nicht erstarb, sah dann unter seinem Samtkäppchen ernst und feierlich, ja eigentlich gealtert aus, seine Stimme klang uns wie gedämpft, und wir konnten etwa verstehen, wieso übelwollende Fremde dazu kamen, der ganzen Vorlesung den Vorwurf des Theatralischen zu machen. Die so sprachen, waren wohl die Formlosigkeit des deutschen klinischen Vortrags gewöhnt oder vergaßen, daß Charcot nur eine Vorlesung in der Woche hielt, die er also sorgfältig vorbereiten konnte.«
Freuds Nachruf auf Charcot, August 1893, aus: Sigmund Freud: Gesammelte Werke, Frankfurt am Main 1977, S. 28f.

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