







Obwohl die Schweiz den Schweizern immer ein interessantes und vieldiskutiertes Thema war und ist – ihre Neutralität, ihr politisches System, die europäische Einbindung, ihr Sonderfallstatus und anderes mehr – ist eine essayistische Debattenkultur, wie sie in Frankreich und Deutschland eine lange Tradition hat, hierzulande eher schwach entwickelt. Die Essays bei Nagel & Kimche befriedigen das Bedürfnis nach einer kritischen und über die Länge von Zeitungsartikeln hinausgehenden Auseinandersetzung mit Themen der Schweizer Kultur, Vergangenheit und Politik.
Bislang erschienen rund ein Dutzend Abhandlungen und Untersuchungen zu Themen, die mittlerweile nicht mehr auf die Schweiz allein beschränkt sind. Sie haben zwar immer auch einen Bezug zur Schweiz und führen zuweilen ins Herz ihrer Befindlichkeit, aber sie handeln ebenso von Fragen internationaler Tragweite. So verschieden wie die Sujets sind auch die Stimmlagen: Von angriffig und provokant über nachdenklich und analytisch bis humorvoll und launig werden die unterschiedlichen Themen angegangen.
Zu den Büchern, die zu bestimmten Stichworten und Anlässen Beiträge versammeln und in den letzten Jahren verstärkt das Profil des Verlages prägen, gehören die Anthologien. Zwar waren schon in früheren Jahren vereinzelt Sammelbände bei Nagel & Kimche erschienen. Nach 2000 allerdings nimmt ihre Anzahl zu; häufig sind es literarische Texte oder Sammlungen von Erzählungen, je nach Thema mit eigens für den betreffenden Band verfassten Originalbeiträgen renommierter Schriftsteller. Manche dieser Titel werden auch – direkt oder lose damit verknüpft – auf bestimmte Ereignisse oder Anlässe gelegt; so versammelte Hansjörg Schertenleib 13 alpenländische Autoren zu einer fiktiven Reise mit dem Nachtzug von Zürich nach Wien in dem Jahr, in dem Österreich und die Schweiz die Fußball-EM ausrichten, und verdeutlichte damit auch, dass die beiden Länder weit mehr verbindet als dieser sportliche Großanlass. 25 Erzählungen aus den letzten 25 Jahren und aus (aufgerundet) 25 Kantonen erscheinen zum 25-Jahre-Jubiläum von Nagel & Kimche.
Die Kollektion Nagel & Kimche wird von Peter von Matt herausgegeben. Sie ist eine Sammlung von Kostbarkeiten der Schweizer Literatur, die der literarischen Öffentlichkeit seit längerer Zeit nicht mehr zugänglich waren oder in dieser Form überhaupt noch nie vorgelegt wurden. Werke von markantem literarischem Rang und bewegender Ausstrahlung rücken damit wieder in das ihnen gemässe Licht. Sie belegen die literaturgeschichtliche Vielfalt der Schweiz und die fortdauernde Aktualität ihrer herausragenden Zeugnisse. Die Titel sind mit einem erzählerischessayistischen Nachwort versehen, das den Text und seinen Hintergrund historisch und literarisch einordnet, biographische Informationen liefert und zuweilen auch die persönliche Bedeutung des Buches für den Verfasser verrät. Die Reihe ist als Sammlung klassischer Texte modern gestaltet; die Bücher erscheinen gebunden in einheitlichem Format und eingeschlagen in ein edles, strukturiertes Papier. Den Anstoß zur Kollektion gab die bedenkliche Tatsache, dass Gottfried Kellers Roman Martin Salander in keiner Leseausgabe mehr auf dem Markt war. Mit einem Nachwort von Peter Bichsel eröffnete er daher die Reihe. In dieser erscheinen auch Werke zeitgenössischer Autoren. So gibt der berühmte Lyriker Philippe Jaccottet im Frühjahr 2008 die wichtigsten Gedichte der französischen Schweiz in einer zweisprachigen Ausgabe heraus unter dem Titel Die Lyrik der Romandie.
Um eine spezielle Note einzuführen und eine gute Wiedererkennbarkeit inmitten der steigenden Zahl von Neuerscheinungen zu schaffen, etabliert der Verlag innerhalb seines Programms eine innovative eigene Kategorie, in der – ohne spezifische Reihengestaltung und -kennzeichnung – ungewöhnliche und besondere Titel erscheinen. Dieser Buchtyp erscheint mindestens einmal im Jahr und heißt im internen Sprachgebrauch auch »das besondere Buch«. Die Idee dahinter ist, dass neben der Vielzahl von Romanen, Unterhaltungstiteln und gängigen Sparten jeweils ein aus der Reihe fallendes, zuweilen eigenwilliges, vom Format her häufig schmales, immer aber auffälliges Buch einen Sonderplatz einnimmt – und damit auch Chancen hat, von Medien und Publikum als eine eigenständige Besonderheit entdeckt zu werden. Thematisch und formal ist »das besondere Buch« nur gebunden an das Kriterium der überraschenden Entdeckung – und das der literarischen Qualität. Dazu gehören etwa Marcelle Sauvageots Fast ganz die Deine (derzeit in der 7. Auflage), Der Überraschungsgast von Grégoire Bouillier oder Das Herz des Urpferds von Peter Adolphsen.
Auch im Bereich des Kinderbuchs erfuhr das Verlagsprogramm eine Änderung. Der Kinderbuchmarkt hat die entsprechenden Entwicklungsschritte der Belletristik nachvollzogen und steht seit Jahren unter einem ähnlichen Druck von steigender Titelzahl bei gleichbleibender Präsentationsfläche und einem nicht wachsenden Publikum. Die Schwerpunkte in den Kinderbuchprogrammen der großen Verlage konzentrieren sich auf Genretitel – Bücher, die bestimmte Themen-Interessen bedienen und literarische Einzelwerke auf die zweiten und dritten Plätze verweisen. Außerdem wird auch im Kinderbuch mittlerweile eine Zuspitzung auf wenige erfolgreiche Titel vorangetrieben, während der große Rest in der Wahrnehmung des Publikums schrumpft. Für Nagel & Kimche bedeutete das zunächst eine Reduktion der Titelzahl auf drei, dann auf eine wechselnde Anzahl von Neuerscheinungen pro Halbjahr, wobei weiterhin Schweizer Themen einen Schwerpunkt bilden. Die Sagen und Legenden der Schweiz von Meinrad Lienert, Jürg Schubigers Die Geschichte von Wilhelm Tell und das von Hannes Binder illustrierte und von Peter Stamm getextete Bilderbuch Heidi bilden eine Sammlung kanonischer Schweizer Geschichten in neuer Gestalt.
Diese Öffnung des Programms, die Ausweitung der Gattungen und Sprachen verlangte nach einem veränderten optischen Auftritt. Die ursprüngliche Beschränkung auf ein einheitliches Format in den beiden Programmsegmenten und die Gestaltung in ähnlichen Farbtönen dienten dem Aufbau eines Markenzeichens. Im Lauf der 90er Jahre stellt sich mehr und mehr heraus, dass die Umstrukturierung des Buchhandels, der Zwang zum Primat des Ökonomischen in vielen Branchenbereichen sowie veränderte Präsentations- und dementsprechend Einkaufsstrategien eine klare optische Verlagsidentität auch bei kleinen und mittleren Häusern zweitrangig machen. Die Erweiterung des Programms mit neuen Gattungen und Tonarten, die Vielfalt der Stimmen erfordern einen individuelleren Auftritt der Titel – zu unterschiedlich sind die Inhalte und die Zielgruppen. Deshalb verabschiedete sich der Verlag von dem wiedererkennbaren, aber starren Raster in Gestaltung, Format und Ausstattung und führte ein neues, diskretes Verlagssignet ein: einen Streifen am unteren Rand des Umschlags, unter dem in einheitlichem Schriftzug der Verlagsname steht. Gestärkt werden hingegen die ästhetischen Rahmen der einzelnen Reihen und Bereiche – Essay, Kollektion, Werke – sowie, wo dies möglich und angezeigt ist, die fortlaufenden Einzelpublikationen eines Autors. Zum Jubiläumsprogramm im Herbst 2008 wird das Umschlagkonzept erneut modernisiert: Der Streifen wird aufgegeben und der Verlagsschriftzug in eine Einheit mit Autor und Titel gestellt. Identität schafft nicht nur dieses Element, sondern auch die Festlegung auf zwei Schrifttypen im Titel, die dem Inhalt entsprechend gewählt werden können.